Folge 36 – Harmonische Wendungen
Shownotes
Wenn Harmonien die Geschichte verändern
Wie verändert sich eine Melodie, wenn wir ihr einen völlig neuen harmonischen Kontext geben? In der neuen Jazzheads-Folge geht es um Topnotes, Pivot-Töne und überraschende harmonische Wendungen – und darum, warum eine gute Reharmonisation ein bisschen wie gutes Storytelling funktioniert.
Anhand konkreter musikalischer Beispiele schauen wir uns an, wie schon einfache Mittel wie Bassbewegungen, Shell Voicings oder eine bewusst geführte Topnote die Wirkung einer Melodie komplett verändern können.
🎧 Jetzt reinhören und neue Ideen fürs Begleiten, Arrangieren und Komponieren mitnehmen.
Von David Riaño Molina
Transkript anzeigen
00:00:09: Hallo und willkommen zurück zu einer weiteren Folge von Jazz Heads.
00:00:13: Mein Name ist David Rianio Molina, heute geht es um den Zusammenhang zwischen Akkord- und Topnote – und damit eigentlich eine ganz grundlegende Frage.
00:00:24: Wie entsteht ein harmonischer Kontext?
00:00:27: Wenn wir eine Melodie hören, hören wir meistens nicht nur eine Aneinanderreihung von Tönen.
00:00:32: Wir versuchen bewusst oder unbewusst zu verstehen in welchem harmonischen Zusammenhang diese Töne stehen!
00:00:39: Und wenn eine Begleitung dazu kommt, hilft sie uns dabei.
00:00:43: Wir hören die Akkorde wie erkennen bestimmte Verbindungen und irgendwann entwickeln wir eine Erwartung wohin sich die Musik bewegen könnte.
00:00:51: aber genau mit dieser Erwartungen kann man natürlich auch spielen.
00:00:54: Man kann uns als Hörer durch unerwartete Harmonien überraschen uns für einen Moment auf die falsche Pferde locken oder einer eigentlich bekannten Melodie plötzlich eine ganz andere Bedeutung geben Und ich finde, man kann sich das ein bisschen so vorstellen wie bei einer Geschichte.
00:01:12: Wenn wir eine Geschichte hören, stellen wir uns eine Szene vor!
00:01:16: Die Geschichte führt uns von einem Ereignis zum nächsten und nach und nach entstehen Erwartungen darüber, wie es weitergehen könnte.
00:01:24: Besonders deutlich wird das wenn wir eine Geschichte schon kennen.
00:01:28: Nehmen wir z.B.
00:01:29: Rotkäppchen.
00:01:30: Wir wissen, Rotkäbbchen ist auf dem Weg zu ihrer Großmutter.
00:01:35: Im Wald trifft sie den Wolf.
00:01:37: Der Wolf bringt sie dazu, den direkten Waldweg zu verlassen und Blumen für ihre Großmutter zu pflücken.
00:01:43: Und während Rotkäppchen noch unterwegs ist eilt der Wolf zum Haus der Großmütter!
00:01:47: Wenn wir die Geschichte kennen wissen wir an diesem Punkt schon ungefähr was als nächstes passieren wird.
00:01:53: Und selbst wenn jemand eine neue Version von Rotkäppen erzählt bleibt diese Erwartung erst einmal bestehen.
00:02:00: Wir kennen gewissermaßen die Formen und genau deshalb können wir überrascht werden.
00:02:08: Stellt euch vor, der Wolf kommt bei der Großmutter an aber in dieser Version weiß sie was er vorhat.
00:02:14: Sie überlistet ihn und plötzlich nimmt die Geschichte eine völlig andere Wendung.
00:02:18: Bis zu diesem Moment waren alle Informationen vertraut Rotkäppchen Der Wald Der Wolf Die Großmütter.
00:02:25: Aber dann passiert etwas das nicht in unsere Erwartungen passt Und plötzlich hören wir die ganze Geschichte anders.
00:02:32: In der Musik passiert etwas ähnliches.
00:02:34: Ein harmonischer Kontext funktioniert für mich sehr ähnlich.
00:02:38: Wenn wir bestimmte Akkordfolgen hören, entwickeln wir ebenfalls Erwartungen.
00:02:43: Nehmen wir etwas ganz einfaches wie einen Turnaround!
00:02:57: Wenn man viel Jazz hört oder spielt, erkennt man solche Bewegungen irgendwann sofort.
00:03:03: Man muss vielleicht nicht einmal sagen können welche Akkorde da gerade gespielt werden – trotzdem entsteht dieses Gefühl.
00:03:10: Ich weiß ungefähr wo wir sind, ich weiß ungefähr wohin das führen könnte.
00:03:15: Und das gleiche kann passieren wenn wir nur eine Melodie hören!
00:03:32: Auch ohne Begleitung beginnen wir uns Harmonien vorzustellen – vielleicht nicht ganz bewusst aber wir hören bestimmte Töne als Spannung und andere als Auflösungen.
00:03:42: Wir hören einen Zielton und erwarten vielleicht schon welcher Akkord darunter kommen könnte.
00:03:47: Wenn wir jetzt die erwartete Harmonie unter diese Melodie legen, entsteht eine sehr stimmige Welt.
00:04:06: Das funktioniert – es klingt logisch und genau das ist der Moment an dem es interessant wird Denn jetzt können wir anfangen mit dieser Erwartung zu spielen.
00:04:14: Zum Beispiel mit der gleichen Melodie erzeugen wir eine andere Geschichte.
00:04:18: Wir lassen die Melodie zunächst genauso wie sie ist Wir verändern aber den harmonischen Kontext Und plötzlich erzählt die Melodie etwas anderes!
00:04:40: Das finde ich daran so spannend.
00:04:41: Wir haben die Hauptfigur unserer Geschichte überhaupt nicht verändert.
00:04:44: Die Melodie ist immer noch dieselbe, aber die Welt um sie herum hat sich verändert und dadurch verändert sich auch unsere Wahrnehmung der Melodie.
00:04:53: Ein Ton, der vorher vollkommen stabil und selbstverständlich geklungen hat kann auf einmal Spannungen erzeugen!
00:05:00: Ein anderer Ton den wir vorher vielleicht als Durchgangston wahrgenommen haben bekommt plötzlich eine wichtige harmonische Funktion – und dafür brauchen.
00:05:11: Man kann dieses Prinzip sehr schön ausprobieren, indem man die Melodie spielt und darunter zunächst wirklich nur verschiedene Bass-Töne setzt.
00:05:37: Achtet einmal darauf was dabei mit dem oberen Ton passiert!
00:05:41: Der Ton selbst verändert sich nicht – aber seine Funktion verändert sich.
00:05:45: Vielleicht ist er beim ersten Akkord der Grundton beim nächsten Deterts dann vielleicht diese Thieme, die None oder eine andere Option Und damit verändert sich auch seine Farbe.
00:05:57: Das ist ein ziemlich einfaches Experiment, aber es zeigt sehr schön wie stark unser Ohr einen einzelnen Ton über seinen harmonischen Kontext interpretiert.
00:06:07: Und jetzt kommen die Kerntöne dazu!
00:06:09: Mit dem Bass allein können wir schon viel bewirken – noch deutlicher wird das aber wenn wir die Kärntöne des Akkords hinzunehmen.
00:06:17: Dafür reichen tatsächlich sehr einfache Shell-Voicings zum Beispiel, also beispielsweise Grundtonen, Terps und Septime.
00:06:23: Das kann man auch mit Drop Two Voicings machen….
00:06:26: Wir brauchen gar keine großen komplexen Akkorde mit fünf verschiedenen Optionstönen.
00:06:30: Terz und Septime sagen uns bereits sehr viel darüber, welche harmonische Funktion wir gerade hören!
00:06:53: Und das ist auch eine schöne Übung.
00:06:55: Nehmt eine Melodie die ihr gut kennt und begleitet sie zunächst so einfach wie möglich.
00:06:59: Dann haltet die Melodie fest und verändert nur das was darunter passiert.
00:07:04: Was passiert wenn der Baston sich verändert?
00:07:09: wenn die Topnote plötzlich nicht meditär, sondern dieseptime eines Akkords ist.
00:07:13: Oder wenn sie zu einer None wird oder was auch immer?
00:07:16: Und welche Akkorde kann ich überhaupt unter einen bestimmten Melodieton setzen?
00:07:21: An diesem Punkt wird aus der theoretischen Frage ziemlich schnell ein kreatives Spiel.
00:07:26: Man sucht nicht mehr nur nach dem in Anführungszeichen richtigen Akkord man sucht nach einer Farbe und so kommt man vom Akkortdenken zum horizontalen Denken.
00:07:36: Jetzt kommen wir zur Topnote.
00:07:38: Viele von uns lernen Akkorde zunächst als einzelne Formen.
00:07:41: Auf der Gitarre vielleicht als Griffbilder, auf dem Klavier als bestimmte Voicings.
00:07:46: Wir sehen einen Akkord und denken hier ist mein Demoil sieben Mein G-Sieben und mein C-Major Sieben zum Beispiel.
00:07:53: Das sind natürlich auch korrekt und sinnvoll Aber man kann dieselbe Folge auch aus einer anderen Perspektive betrachten.
00:08:01: Statt drei einzelne Akkorder zu sehen Kann ich mich fragen was passiert eigentlich mit der höchsten Stimme?
00:08:14: Und jetzt die selben Akkorde noch einmal, diesmal mit einer bewusst gestalteten Oberstimme.
00:08:27: Die Akkordsymbole können exakt dieselben sein – aber plötzlich entsteht zwischen den Voicings eine Verbindung!
00:08:33: Ich spiele nicht mehr nur D-Moll sieben, G-Sieben und C-Major Sieben….
00:08:37: ich spiele gleichzeitig eine kleine Melodie in der Oberstimmung ….
00:08:40: und diese Melodie harmonisiere ich.
00:08:43: Das ist für mich ein wichtiger Perspektivwechsel Denn wir denken nicht mehr nur vertikal, Akkord für Akkort sondern auch horizontal.
00:08:51: Und dazu können wir uns fragen welche Linie zieht sich durch meine Akkorde?
00:08:55: Ein Ton kann sogar liegen bleiben und die Topnote muss sich dabei nicht unbedingt bewegen.
00:09:01: Manchmal ist genau das Gegenteil interessant.
00:09:03: Wir können einen Ton oben liegen lassen und darunter die Harmonie verändern.
00:09:21: Der obere Ton bleibt gleich aber mit jedem akkord bekommt er eine andere Bedeutung.
00:09:27: Das ist ein sehr wirkungsvolles Mittel beim Engieren.
00:09:30: Besonders schön ist, dass man das nicht nur theoretisch verstehen muss – Man hört es sofort!
00:09:36: Ein und derselbe Ton kann sich ruhig, offen, gespannt, dunkel oder überraschend anhören je nachdem welche harmonische Welt wir darunter setzen.
00:09:45: Und genau solche Dinge machen natürlich besonders viel Spaß wenn man sie nicht nur alleine ausprobiert sondern in Zusammenspiel.
00:09:51: Deshalb ein kurzer Hinweis an dieser Stelle.
00:09:54: Am twenty-zwanzigsten und am zwanzigste August findet wieder unser Jazz Band Sommer Workshop im Jazz Club Schlot in Berlin statt!
00:10:02: Da geht es genau um solche Fragen, im praktischen Kontext wie begleite ich?
00:10:06: Wie reagiere ich auf das was die anderen spielen?
00:10:09: Wie gestalte ich eine Stimme innerhalb eines Arrangements?
00:10:12: und vor allem wir bekommen als Band aus einzelnen Stimmen ein gemeinsames musikalisches Bild.
00:10:19: Mehr dazu sage ich euch am Ende der Folge noch mal.
00:10:22: Aber zurück zu unserer Geschichte, eine überraschende Wendung funktioniert nicht zehnmal!
00:10:27: Natürlich gibt es auch für solche harmonischen Überraschungen bestimmte Klischees.
00:10:32: Ein Beispiel ist der sogenannte neapolitanischer Vorhalt beziehungsweise die Bewegung über einen Akkord, einen Halbton über dem eigentlichen Ziel.
00:10:46: Solche Wendungen können sehr stark sein aber sie haben ein ähnliches Problem wie überrascht wendungen in Geschichten.
00:10:53: wenn in einem Krimi alle drei Minuten eine völlig unerwartete Person der Täter ist, sind wir irgendwann nicht mehr überrascht.
00:11:02: Wir erwarten dann bereits die Überraschung und musikalisch ist es ähnlich!
00:11:07: Wenn ich jeden zweiten Akkord reharmonisiere jede Auflösung vermeide und überall noch eine zusätzliche überraschende Wendung einbaue verliert es irgendwann seine Wirkung.
00:11:18: Deshalb finde ich solche Mittel besonders effektiv wenn man sie sparsam einsetzt.
00:11:23: Man stabiliert zunächst eine Welt Man gibt dem höherer Zeit, diese Welt zu verstehen.
00:11:28: Und dann verändert man an einer bestimmten Stelle etwas – genau deshalb funktioniert auch unser Rotkäppchen-Beispiel!
00:11:35: Wenn von Anfang an alles vollkommen anders wäre, gäbe es keine Überraschung.
00:11:40: Die Überraschnung entsteht erst dadurch, dass wir vorher eine Erwartung aufgebaut haben….
00:11:46: Ich habe ein kleines Experiment für euch ….
00:11:48: wenn ihr das selbst ausprobieren wollt nehmt euch einen Standard den ihr sowieso gerade spielt….
00:11:53: Ihr müsst dafür kein neues Stück lernen.
00:11:55: Spielt vielleicht acht Takte und schaut euch zunächst nur die Melodie an!
00:12:00: Dann nehmt euch einen markanten Melodieton, vielleicht einen langen Ton oder einen Ton am Ende einer Phrase Und fragt euch nicht sofort welches Voicing spiele ich auf diesem Akkord?
00:12:11: Sondern fragt Euch stattdessen was könnte dieser Melodiaton noch sein?
00:12:16: könnte er die Terz eines Akkords, eines anderen Akkord sein.
00:12:19: Die Septime, die None oder vielleicht ein Ton der Alt-Spannung über einem ganz anderen Bass funktioniert.
00:12:26: Probiert erst verschiedene Bastöne dann nehmt Terz und Septime dazu!
00:12:32: Und wenn ihr mit Drop Two Voicings arbeitet könnt ihr genau dasselbe Prinzip natürlich auch dort anwenden.
00:13:05: Es geht dabei zunächst gar nicht darum die perfekte Reharmonisation zu finden.
00:13:09: es geht darum zu hören Was macht dieser Akkord mit meiner Melodie?
00:13:14: Welche Geschichte erzählt diese Version?
00:13:16: und wo möchte ich überhaupt eine überraschende Wendung haben, dass es eine sehr spielerische Herangehensweise ans Arangieren und Komponieren.
00:13:25: Und sie eignet sich natürlich auch hervorragend wenn ihr Sängerinnen und Sänger begleitet weil dort die Melodie bereits fest steht.
00:13:31: Ihr könnt die Melodie respektieren und trotzdem die harmonische Welt darum herum gestalten.
00:13:37: vielleicht ist das sogar die wichtigste Idee die ihr aus dieser Folge mitnehmen könnt.
00:13:41: Ein Akkord steht nicht einfach für sich.
00:13:44: Auch eine Topnote steht nicht leicht für sich, wir nehmen beides immer in einem Zusammenhang wahr.
00:13:50: Die Topnote kann sich durch verschiedene Akkorde bewegen und daraus eine eigene melodische Linie bilden oder sie kann als Pivoton liegen bleiben also einen Ton der zwei verschiedene Tonaten verbindet während sich die harmonische Welt darunter verändert.
00:14:04: Und genauso wie bei einer guten Geschichte entsteht Spannung häufig aus dem Wechsel zwischen Erwartungen und Überraschung.
00:14:10: Wir müssen die Erwartungen nicht permanent brechen.
00:14:13: Manchmal müssen wir sie erst einmal erfüllen, damit die eine Stelle an der wir etwas anderes machen überhaupt ihre Wirkung bekommt.
00:14:21: Wenn ihr Lust habt solche Konzepte gemeinsam mit anderen Musikerinnen und Musikern auszuprobieren!
00:14:25: Am twenty-zwanzigsten und dreinzwanziger August findet unser Jazzband Summer Workshop im Jazz Club Schlot in Berlin statt.
00:14:33: Dort arbeiten wir zwei Tage lang praktisch im Ensemble am Zusammenspiel Begleitung Improvisation und Arrangement.
00:14:41: Alle Informationen findet ihr auf der Webseite der Global Jazz Academy, also www.global-jazz-akademie.com.
00:14:49: Dort könnt Ihr Euch noch anmelden – es gibt inzwischen allerdings nur noch begrenzte Plätze!
00:14:54: Wenn Ihr also Interesse habt schaut gerne vorbei.
00:14:57: Das war's für diese Folge von Jazz Sets.
00:14:59: Wir liegen jetzt auch eine kleine Sommerpause ein und hören uns dann im September wieder.
00:15:04: Ich wünsche euch einen schönen Sommer Und an alle, die beim Workshop dabei sind.
00:15:08: Wir sehen uns Ende August!
00:15:10: Ich freue mich auf euch, bleibt kreativ und bis dahin!
Neuer Kommentar