Folge 34 – Aufnahme läuft!
Shownotes
Jazz wird meist als Live-Musik gedacht. Doch was passiert, wenn die Bühne gegen ein Tonstudio getauscht wird?
In dieser Folge von Jazzheads beschäftigen wir uns mit den Besonderheiten von Studioproduktionen im Jazz. Wir sprechen über Klangreferenzen, die Auswahl der Musiker, die Bedeutung von Räumen und Instrumenten sowie über die Frage, warum manche Aufnahmen trotz kleiner Fehler unvergesslich bleiben.
Eine Folge für alle, die verstehen möchten, wie aus einer musikalischen Idee eine überzeugende Aufnahme wird – und warum guter Sound oft schon vor dem ersten Mikrofon entsteht.
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00:00:06: Hallo und willkommen zu einer weiteren Folge von Jazz Sets.
00:00:10: Ich bin David Molina, heute geht es mal um ein ganz anderes Thema über das im Jazz Kontext nicht besonders häufig gesprochen wird – nämlich darum worauf es bei einer Studioproduktion ankommt!
00:00:23: Wenn wir über Jazz sprechen stehen meistens andere Themen im Vordergrund – Improvisation, Harmonielehre, Rhythmik, Transkriptionen Gehörbildung oder die Entwicklung eines persönlichen Sounds.
00:00:37: Und das natürlich vollkommen zurecht!
00:00:40: Schließlich sind genau diese Dinge ein wesentlicher Bestandteil dessen, was Jazz ausmacht.
00:00:46: Dadurch passiert es jedoch oft dass andere Aspekte, die für die Qualität des Gesamtklangs einer Band sowohl bei einem Konzert als auch bei einer Studioproduktion von enormer Bedeutung sind etwas untergehen.
00:01:00: Viele Jazzmusiker beschäftigen sich jahrelang intensiv mit ihrem Instrument, haben aber nur wenig Erfahrung damit wie eine professionelle Aufnahme entsteht und welche Faktoren das Endergebnis beeinflussen.
00:01:14: Das liegt zum Teil daran dass sich Jazz Musiker traditionell vor allem auf Live-Situationen vorbereiten – und das wiederum hängt damit zusammen.
00:01:26: einer der wenigen Musikstile ist, der von seinem Grundgedanken her in erster Linie als Live-Musik verstanden wird.
00:01:34: Natürlich spielen Aufnahmen und Alben schon seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle für die Verbreitung und Vermarktung von Künstlerinnen.
00:01:43: Dennoch wird Jazz anders als viele Formen moderner Popmusik häufig nicht vom Studio aus gedacht.
00:01:50: Viele Popproduktionen entstehen direkt am Computer Schicht für Schicht vor allem heutzutage.
00:01:57: Im Jazz dagegen stehen meistens die Band, das gemeinsame Musikieren und die Interaktionen zwischen den Musikerinnen im Mittelpunkt.
00:02:06: Jazz lebt nicht nur vom Spielen selbst sondern auch von der unmittelbaren Atmosphäre eines Konzerts.
00:02:14: Das Publikum nimmt aktiv am geschehen Teil.
00:02:17: Es reagiert auf Soli, auf Spannungsbögen und auf überraschende musikalische Momente.
00:02:24: Diese Energie beeinflusst wiederum die Musiker auf der Bühne.
00:02:27: Es entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Inspiration.
00:02:31: In einer Studiosituation fehlt dieser Aspekt nahezu vollständig, es gibt nämlich kein Publikum, keine unmittelbare Reaktion und oft auch keinen Raum, der die Musik auf natürliche Weise trägt.
00:02:45: Viele Aufnahmeräume sind vergleichsweise trocken akustisch behandelt.
00:02:49: Dadurch lassen sich die Instrumente zwar deutlich präziser aufnehmen und später besser mischen.
00:02:56: Gleichzeitig wirken sie aber zunächst ungewohnt direkt – und manchmal sogar etwas nackt!
00:03:02: Wer zum ersten Mal in einem professionellen Studio aufnimmt, erlebt häufig genau diesen Effekt.
00:03:08: Plötzlich hört man jede Kleinigkeit, jede Artikulation, jedes Nebengeräusch und jede kleine Unsicherheit werden deutlich wahrnehmbar….
00:03:18: Dinge, die in einem Konzertsaal oder Jazzclub vollkommen natürlich wirken würden treten plötzlich viel stärker hervor.
00:03:26: In manchen Produktionen werden Instrumente sogar in separaten Räumen aufgenommen – das ist im Jazz zwar weniger verbreitet als in vielen Pop- oder Rockproduktionen kommt aber durchaus vor!
00:03:40: Der Vorteil besteht darin dass die einzelnen Instrumentes besser voneinander getrennt werden können und man später mehr Kontrolle über den Mix hat, gleichzeitig geht aber auch ein Teil der direkten Interaktion verloren.
00:03:56: Diese ungewohnte Situation beeinflusst zwangsläufig die Art und Weise wie man spielt.
00:04:02: Statt die Band über den Raum zu hören hört man sie über Kopfhörer!
00:04:06: Statt auf die natürliche Akustik eines Konzertsaals zu reagieren orientiert man sich an einem Monitor-Signal.
00:04:14: Für viele Musiker fühlt sich das zunächst sehr fremd an.
00:04:18: Und aus diesem Grund ist es wichtig, sich bewusst mit diesen Veränderungen auseinanderzusetzen Denn eine gute Studieaufnahme entsteht nicht automatisch dadurch dass man einfach dasselbe macht wie auf der Bühne.
00:04:32: viel mehr muss man lernen die besonderen Bedingungen des Studios für sich zu nutzen.
00:04:38: Eine gute Idee ist deshalb eine Produktion gewissermaßen rückwärtszudenken.
00:04:43: Anstatt einfach einen Termin im Studio zu buchen und zu hoffen, dass alles gut wird kann man sich zunächst die Frage stellen.
00:04:50: Wie soll das fertige Album eigentlich klingen?
00:04:54: Was ist meine Klangreferenz?
00:04:57: Welche Aufnahme begeistert mich klanglich besonders?
00:05:00: Warum klingt diese Aufnahme so wie sie klingt?
00:05:04: Hat die Band gemeinsam in einem Raum gespielt oder wurden die Instrumente getrennt aufgenommen?
00:05:11: Welcher Mikrofone kam zum Einsatz?
00:05:13: Welche Instrumente wurden verwendet?
00:05:16: Wie groß war der Raum?
00:05:18: Welche Rolle spielt die Nachbearbeitung?
00:05:21: Je genauer man diese Fragen beantworten kann, desto klarer wird das Zielbild der eigenen Produktion.
00:05:28: Wenn man weiß wie das Endprodukt ungefähr klingen soll, kann man anfangen weitere Entscheidungen zu treffen.
00:05:36: Gehören alle Stücke zu einem gemeinsamen Albumkonzept oder handelt es sich um einzelne Veröffentlichungen?
00:05:42: Soll die Produktion möglichst natürlich und authentisch wirken, oder eher stark gestaltet werden?
00:05:48: Geht es darum eine Live-Situation einzufangen.
00:05:52: Oder soll das Studio selbst als kreatives Werkzeug genutzt werden?
00:05:57: Diese Fragen haben enorme Auswirkungen auf den gesamten Produktionsprozess.
00:06:02: Wenn beispielsweise die Live-Energie einer Band im Mittelpunkt stehen soll, wird man wahrscheinlich versuchen möglichst viel gemeinsam und gleichzeitig aufzunehmen.
00:06:12: Vielleicht akzeptiert man sogar kleinere Ungenauigkeiten wenn dadurch die musikalische Spannung erhalten bleibt.
00:06:21: Wenn dagegen ein sehr ausgearbeiteter und kontrollierter Klang angestrebt könnte man mit Overdubs arbeiten, einzelne Passagen mehrfach aufnehmen oder zusätzliche Klangschichten ergänzen.
00:06:34: Beides kann absolut legitim sein!
00:06:37: Wichtig ist lediglich dass die gewählte Vorgehensweise zum musikalischen Ziel passt.
00:06:43: Hat man diese grundlegenden Fragen geklärt?
00:06:46: Kann man beginnen den Sound der einzelnen Stücke genauer zu definieren und an diesem Punkt kommt ein Faktor ins Spiel der meiner Meinung nach häufig unterschätzt wird – die Auswahl der Musiker.
00:06:59: Natürlich geht es dabei um spielerische Qualität, aber mindestens genauso wichtig ist die persönliche musikalische Sprache eines Menschen.
00:07:08: Jeder Mensch bringt seine eigene Klangvorstellung, sein eigenes Timing, seine eigene Frasierung und seine eigene musikalisch Geschichte mit.
00:07:17: Ein einfaches Beispiel wäre ein Projekt im Bereich Samba Jazz oder brasilianischer Fusion-Musik.
00:07:24: In diesem Fall wäre es sinnvoll jemanden einzuladen, der die brasilianische Tradition wirklich verinnerlicht hat und gleichzeitig die Jazzsprache beherrscht.
00:07:33: Denn bestimmte stylistische Feinheiten lassen sich nur begrenzt durch Proben oder Noten vermitteln.
00:07:40: Sie entstehen durch jahrelange Erfahrung innerhalb einer musikalischen Kultur.
00:07:45: Das selbe gilt für viele andere Stilrichtungen.
00:07:48: Ein traditioneller Swing-Schleizzeugspieler wird andere Entscheidungen treffen als ein moderner Fusion-Drama.
00:07:55: Ein Bebop-Solist wird dieselbe Melodie anders interpretieren, als jemand der eher aus der zeitgenössischen Jazz-Szene kommt und deshalb beginnt guter Sound oft lange vor dem ersten Mikrofon.
00:08:09: Er beginnt bei den Menschen die gemeinsam Musik machen.
00:08:13: Hinzu kommt dass viele wichtige Klangentscheidungen bereits getroffen werden bevor überhaupt die Aufnahme startet.
00:08:21: Heute besteht oft die Versuchung, Probleme später im Mix lösen zu wollen.
00:08:25: Schließlich gibt es unzählige Plugins, virtuelle Effekte und Bearbeitungsmöglichkeiten.
00:08:31: Doch die besten Produktionen zeichnen sich meistens dadurch aus dass sie bereits bei der Aufnahme überzeugend klingen.
00:08:39: Ein erfahrener Toningenieur wird häufig sagen Fix it at the Source.
00:08:44: Wenn ein Instrument nicht so klingt wie man es sich vorstellt sollte man zunächst überlegen ob das Problem tatsächlich im Mix liegt oder vielleicht beim Instrument selbst, bei der Spielweise oder bei der Positionierung im Raum.
00:08:57: Ein hervorragend gestimmtes Schlagzeug beispielsweise lässt sich meist deutlich einfacher aufnehmen als ein schlechtgestimmtes unabhängig davon wie hochwertig die Mikrofone sind.
00:09:08: Dasselbe gilt für einen Kontrabass mit gut eingestellten Seiten – ein Saxophon mit passendem Setup oder eine Gitarre deren Verstärker bereits den gewünschenden Grundsound liefert!
00:09:19: Auch der Raum spielt eine größere Rolle als viele vermuten.
00:09:23: Wir hören auf einer Aufnahme nicht nur die Instrumente, sondern immer auch den Raum in dem sie gespielt wurden.
00:09:30: Große Räume erzeugen andere Reflektionen als kleine.
00:09:34: Holz klingt anders als Beton hohe Decken anders als niedrige.
00:09:40: Viele legendäre Aufnahmen verdanken einen Teil ihres Charakters genau diesen Eigenschaften.
00:09:46: Im Jazz stellt sich außerdem immer die Frage, wie viel Isolation überhaupt sinnvoll ist.
00:09:52: Aus technischer Sicht ist es attraktiv, die Instrumente möglichst stark voneinander zu trennen – dadurch erhält man maximale Kontrolle beim Mischen.
00:10:01: Aus musikalischer Sicht kann genau das aber problematisch sein!
00:10:06: Die spontane Kommunikation innerhalb einer Band lebt häufig davon, dass sich die Musiker gegenseitig hören sehen und unmittelbar aufeinander reagieren können.
00:10:17: Deshalb akzeptieren viele Produzenten bewusst ein gewisses Maß an Übersprechen zwischen den Mikrofon, weil dadurch oft ein natürlicheres und lebendigeres Gesamtbild entsteht.
00:10:30: Und hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt.
00:10:32: Eine technisch perfekte Aufnahme ist nicht automatisch eine gute authentische Aufnahme.
00:10:40: Viele legendäre Jazzplatten enthalten Dinge die man aus heutiger Sicht vielleicht sogar als technische Fehler bezeichnen würde.
00:10:49: Trotzdem berühren sie Menschen bis heute, warum?
00:10:52: Weil die musikalische Aussage stärker ist als die Unvollkommenheiten und das passiert ja auch wenn man in einem Konzert sitzt.
00:11:01: natürlich spielen die Musiker nicht alles perfekt aber trotzdem berührt die Musik uns weil es darum geht wie die Energie übertragen wird.
00:11:10: Gerade im Jazz geht es oft darum, einen Moment einzufangen.
00:11:14: Eine besondere Interaktion ein Solo das nur einmal genauso entstanden ist eine spontanere Aktion der Rhythmusgruppe eine Energie die sich nicht reproduzieren lässt.
00:11:26: Deshalb lohnt es sich bei der Beurteilung einer Aufnahme nicht ausschließlich auf Fehler zu achten.
00:11:32: Viele Musiker hören nach einer Session zunächst alles was sie anders gemacht hätten.
00:11:36: Das Publikum hingegen hört meistens etwas anderes.
00:11:39: Es hört die Energie, die Atmosphäre und die Geschichte, die erzählt wird.
00:11:45: Am Ende ist eine Studioproduktion immer ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren – Komposition, Arrangement, Musiker, Instrumente, Raumakustik, Mikrofonierung, Performance Aufnahme, Mischung & Mastering.
00:12:05: Keiner dieser Faktoren allein macht eine großartige Produktion aus.
00:12:09: Aber jeder einzelne trägt dazu bei, dass eine musikalische Idee ihr volles Potenzial entfalten kann und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis?
00:12:20: Eine Aufnahme dokumentiert Musik nicht einfach nur so – sie ist selbst Teil des künstlerischen Prozesses.
00:12:27: Je früher man beginnt sich darüber Gedanken zu machen, desto größer es die Chance dass die eigene musikalische Vision am Ende tatsächlich hörbar wird.
00:12:37: Passend dazu werden wir bei unserem Jazz Band Workshop im August nicht nur gemeinsam Proben und an Repertoire, Zusammenspiel- und Improvisationen arbeiten sondern am Ende auch drei Stücke mitschneiden.
00:12:52: Das ist eine seltene Gelegenheit die Unterschiede zwischen Probe Konzert und Aufnahmesituation unmittelbar zu erleben Denn vieles von dem, worüber wir heute gesprochen haben wird erst dann wirklich greifbar.
00:13:05: Wenn man selbst vor einem Mikrofon sitzt und dann merkt das sich die Wahrnehmung plötzlich verändert.
00:13:11: Wie spielt man wenn jede Nuance hörbar wird?
00:13:14: wie reagiert die Band auf die Aufnahmesituation Und wie gelingt es trotz aller Technik die musikalische Spontanität zu bewahren?
00:13:22: Genau diese Erfahrungen gehören heute für viele professionelle Musikerinnen zum Alltag und lassen sich kaum durch Theorie ersetzen.
00:13:31: Wenn ihr also euch auch mal Gedanken macht oder überlegt selber eine Aufnahme zu organisieren, dann ist es eine gute Gelegenheit praktische Erfahrungen zusammen und gleichzeitig eine Aufname mit nach Hause mitzunehmen.
00:13:45: Falls euch unser Jazz Band Workshop interessiert, dann findet ja alle Infos dazu unter www.global-jazz-academy.com.
00:13:55: Dort könnt Ihr auf die Unterseite Sommerworkshop gehen und unter einem Link euch anmelden.
00:14:03: Vielen Dank fürs zuhören, bis zur nächsten Folge und bleibt kreativ!
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